dieter_brader: Ja cool, also heute geht es ⁓ um Medieninnovationen, neue Ideen, neue Geschäftsmodelle und ⁓ um die große Frage, wie die künstliche Intelligenz Medienarbeit verändert und vor allem neue Möglichkeiten eröffnet. Mein Gast heute ist Stefan Lassnig, Medienmanager. Sogar Medienmanager des Jahres, gratuliere, Podcaster, Gründer von Missing Link Media und er entwickelt Medienformate, vor allem Podcasts und du beschäftigst dich intensiv mit dem Thema Medieninnovation, mit Produktionslogiken und vor allem mit dem sinnvollen Einsatz von KI. Wir haben uns schon öfter mal getroffen, auch damals bei uns beim Breakfast Club und das Thema hat mir nicht mehr losgelassen. Seitdem hätte ich am liebsten gerne mit dir was umgesetzt. Vielleicht kommt das ja wieder mal. Aber jetzt erzähl einmal, gleich zu Beginn, was reizt dich denn am Neudenken von Medien, mehr als am Bewahren?
stefan_lassnig: Erstmal danke für die Einladung in den Podcast. Was mich antreibt ist das Medienmachen an sich. Ich habe, nachdem ich meinen langjährigen Job bei den Regionalmedien Austria aufgegeben habe, mir so eine kurze Auszeit genommen und habe mir damals überlegt, ob ich nicht vielleicht in eine andere Branche wechseln will, weil jetzt Management-Skills sind jetzt unabhängig von den Branchen ja überall gefragt. Und ich bin dann draufgekommen, ich will nichts anderes machen, ich will Medien machen. Das ist meine Leidenschaft. Das ist das, womit eigentlich meine Berufskarriere angefangen hat. Und wenn es nach mir geht, auch damit enden wird, ich möchte Medien machen. Und wenn man Medien machen will, kann man entweder sagen, man macht es jetzt 30, 40, 50 Jahre lang, so wie man es immer gemacht hat. Das wird halt nicht funktionieren. Oder man sagt, es geht im Kern darum, Geschichten gut zu erzählen. Und das ist tatsächlich das, was mich antreibt. Und dann geht es darum, eigentlich nur mehr um das "Wie" und auf welchen Kanälen. Und da tut sich halt extrem viel. Und ich finde, da muss man mit der Zeit gehen. Weil wenn man gute Geschichten gut erzählt, aber auf Kanälen oder in Darreichungsformen, die niemand mehr konsumieren will, ist es halt schade die Arbeit.
dieter_brader: Wo braucht es denn bewusste Brüche mit dem Bestehenden in der Medienwelt?
stefan_lassnig: Naja, was mir auffällt ist, dass oft Dinge miteinander in Verbindung gebracht werden, die so nicht zusammengehören. Also im Wesentlichen, dass man sagt, Qualität besteht darin, dass man was ausdruckt. Ganz lange Zeit haben Printmedien den Markt dominiert und waren Printmedien auch die Gatekeeper. Das heißt, du bist an ihnen ja nicht vorbeigekommen und was da drin entstanden ist, war "unter Anführungszeichen" wichtig und richtig und was nicht drin entstanden ist, hat halt nie existiert. Und aus dem heraus und aus dieser Verteidigungshaltung heraus, wo dann digitale Medien aufgekommen sind, hat man weiterhin an dem festgehalten und hat gesagt, na gut, aber die Qualität wird immer noch gedruckt und der Rest ist halt irgendwas Digitales. Und aus dem heraus ist entstanden, dass man übersehen hat, dass Digitalqualität natürlich auch möglich ist. Und das ist das, was du fragst. Der Bruch ist, zu sagen, diese Leidenschaft, diese Qualität, diese Liebe zum Medienmachen, die muss auch fürs Digitale gelten und das sehe ich sehr oft nicht. Das sehe ich so oft bei Jüngeren, aber das ist gar keine Frage des Alters, sieht man bei der Dunkelkammer. Diese Liebe zum Medien machen, die ist schon da. Aber so dieses Beharrungsvermögen zu sagen, naja, aber eigentlich ist es nur was wert, wenn es gedruckt ist, das gibt es leider immer noch.
dieter_brader: Can AI help you...? ist ein Podcast über künstliche Intelligenz, digitale Transformation, Medienwandel, Kommunikation und die Frage, wie Menschen und Organisationen sinnvoll und vor allem wertschöpfend mit neuen Technologien umgehen können. Heute steht Stefan Lassnig im Mittelpunkt. Mit seinen Perspektiven, Erfahrungen, Produkten und Dienstleistungen und wir stellen uns die Frage "Can AI help you... rethink media and innovation?" Und ich glaube "Can AI help you...?" Stefan can help you! Und genau darauf schauen wir jetzt. Wir schauen einmal nach vorne. Viele Medien stehen ja jetzt an diesem Punkt, an dem, wie du gesagt hast, diese klassischen Modelle, so wie Print, nicht mehr ausreichen. Und die Digitalisierung, die Technologie und vor allem KI eröffnen völlig neue Spielräume. Lass uns mal über diese Spielräume sprechen. Was entsteht denn da gerade Spannendes an Innovationen in diesem Medienbereich?
stefan_lassnig: Das Feld KI ist natürlich unendlich groß und hat viele verschiedene Facetten. Ich kann jetzt in erster Linie für uns sprechen. Wir heißen KI sehr gerne willkommen, weil wir KI als Werkzeug sehen. Und Werkzeug, da muss ich nochmal präzisieren. Werkzeug heißt in dem Fall Werkzeug, ⁓ Inhalte, die von Menschen erzeugt worden sind, weiter zu verarbeiten, in verschiedene Kanäle zu gießen, bei der Recherche und so weiter. Also der Kern der Arbeit ist, dass bei uns Menschen Inhalte erzeugen. Das ist unser Kern und bei dem bleiben wir auch, egal wie super die KI ist. Aber rundherum kann man wahnsinnig viel schon sich helfen lassen und unterstützen lassen. Es fängt an bei Transkripten, also eigentlich fängt es an bei der Recherche. Geht über Transkripte bis hin zur Erzeugung von künstlichen Stimmen. Wobei künstliche Stimme das Klonen von echten Stimmen in unserem Fall. Also das geht relativ weit, aber ich glaube, es wird eine ganz große Diversifikation geben in den nächsten Jahren: Zwischen unfassbar vielen Inhalten, die aber nur Zweitverwertungen sind, und wenigen, aber dafür qualitativ hochwertigen Inhalten, die originär sind und die von Menschen erzeugt worden sind. Das ist jetzt einmal mein Fokus auf die nächsten zwei, drei Jahre. Was in zehn Jahren ist, wissen wir alle nicht. Aber in nächsten zwei, drei Jahre, glaube ich, wird sich da die Spreu vom Weizen trennen. Ich kann da auch ein anderes Beispiel nennen. Wir haben jetzt auch ein Buchverlag gegründet und haben ein Buch herausgegeben. Und innerhalb von Tagen hat es zwei weitere Bücher gegeben um diese Systeme herum. Wo wir vermuten, und jetzt lassen wir gerade prüfen, dass die auf unserem Inhalt beruhen und dann durch KI erstellt worden sind. Deswegen sage ich, es wird unfassbar viel Müll geben an KI produzierten Inhalten und es wird immer wichtiger werden, dass man die Absender kennt, dass man das Absender-Medium kennt, die Marke oder auch die Personen.
dieter_brader: Du setzt ja voll und ganz eigentlich auf Podcasts. Wieso siehst du darin ein zentrales sozusagen Zukunftsformat?
stefan_lassnig: Na ja, Podcasts haben mehrere Faktoren, die meiner Meinung nach zukunftsträchtig sind. Das eine ist, sie sind digital und haben digitale Distributionswege. Also wir sind nicht darauf angewiesen, dass irgendwer physisch was zustellt. Der zweite Faktor, den ich sehr positiv sehe, ist ein On-Demand-Medium. Das heißt, es ist ein Medium, das von Menschen konsumiert wird, wann, wo und wie sie wollen. Auch da sehe ich einen gewissen Zeitgeist drin. Ich glaube, dass sich die linearen Medien immer schwerer tun werden. Nicht, dass es sich nicht mehr braucht, aber sie werden sich halt schwerer tun, weil sie diese nicht-lineare Konkurrenz kriegen. Und ich rede jetzt doch gar nicht nur vom Podcast, sondern selbst jetzt, Radiokonsum ist ja teilweise schon nicht mehr linear, weil es in diversen TV- und Radiotheken nachgehört werden kann. Und was mich sehr beruhigt auch beim Thema Podcast ist, dass wir nicht von einem einzigen Distributor abhängig sind. Eigentlich ist ein Podcast ja nur "unter Anführungszeichen" ein RSS-Feed. Und solange wir RSS-Feeds produzieren und es Apps gibt, die RSS-Feeds auslesen können, können wir Podcasts verbreiten. Natürlich sind wir derzeit von großen Plattformen bis zum gewissen Grad abhängig, weil die uns die Reichweite verschaffen. Also wir machen unsere meistens Downloads mit Apple und Spotify. Aber wenn die mal nicht mehr uns ausliefern wollen, könnten wir jederzeit andere Alternativen nutzen, unseren Podcast an den Mann oder an die Frau zu bringen. Mir ist völlig klar dann... schwieriger und mit einer geringen Reichweite, aber trotzdem.
dieter_brader: Wir haben damals schon vor längerer Zeit über die ganze Wertschöpfungskette bei dem Podcast gesprochen, vor allem in Bezug auf KI. Was hat sich denn da so getan oder wie setzt du KI momentan in deinen Podcastprojekten
stefan_lassnig: Also wir setzen derzeit KI vor allem ein, Stimmen zu klonen und mit diesen geklonten Stimmen dann automatisiert Texte einzusprechen. Und diese Texte dann mit dem Intro und dem Outro alles vollautomatisiert zu verbinden, zu publishen. Und damit haben wir eigentlich von Text zu Podcast einen vollautomatisierten Workflow. Und wenn man das weiter denkt, gibt es natürlich die Möglichkeit, das zu individualisieren. Wenn du sagst, ich interessiere mich für bestimmte Themen, dann ist die Überlegung zu sagen, wir verknüpfen deine Interessen mit Datenbanken, lassen dann die News, die für dich relevant sind, der geklonten Stimme einer bekannten Sprecherin oder eines bekannten Sprechers einsprechen und dir individuell zustellen. Und das geht natürlich auf vielen verschiedenen Wegen. Das kann ein E-Mail sein, das kann ein Newsletter sein, das kann eine Sprachnachricht sein. Dann sind wir im Bereich der individualisierten Audio-Nachrichten. Ein bis jetzt sehr wenig genutztes Feld, weil es sehr produktionstechnisch bis jetzt nicht möglich war. Du kannst ja nicht eine Sprecherin hinsetzen und sagen, sprich einmal 100.000 Varianten ein. Mit der KI und der KI-Stimme und der Selektion aus Datenbanken heraus könnte man das schon machen.
dieter_brader: Das wäre eigentlich ein neues Geschäftsmodell für Morning Briefings etc.
stefan_lassnig: Ja, genau. Also Morning Briefings, Evening Briefings, Nischen-, Themen-Briefings, themenspezifische Briefings. Dafür wäre es geeignet und es wäre vor allem für die Menschen geeignet, die sagen, ich will nicht jetzt noch ein Newsletter abonnieren oder noch eine Website besuchen, sondern ich würde mir das gerne beim Autofahren anhören. Also beim Weg in die Arbeit zum Beispiel.
dieter_brader: Gibt es jetzt ein Projekt in deinem Podcast-Ökosystem, wo du gemerkt hast, dass wäre ohne KI so nicht möglich gewesen?
stefan_lassnig: Ja, da gibt es konkret eines. Nämlich unsere Website podcastradio.at. Auf dieser Seite publizieren wir Transkripte unserer erfolgreichsten Podcasts. Und die Transkripte erstellen wir über die KI, weil den Zeit davon, das händisch zu transkribieren und dort reinzustellen, den könnte man nicht bewältigen. Also da ist es ganz konkret so, dass ohne dieses Werkzeug, nämlich das ist eine wirklich gute Transkriptionssoftware, ohne dieses Werkzeug könnte man diese Website gar nicht betreiben.
dieter_brader: Werkzeuge hast du noch bei deiner gesamten Podcast-Produktion, die möglicherweise KI-gestützt sind?
stefan_lassnig: Ja, da fällt mir vor allen Dingen unser Postproduktions-Tool, Auphonic, ein. Die Transkriptionssoftware ist übrigens Whisper, falls das jemand interessiert, das sich anzuschauen kann, ich wirklich sehr empfehle. Whisper Transcribe ist ein österreichisch-holländisches Unternehmen. Und Auphonic ist auch interessanterweise ein österreichisches Unternehmen, die aber im Bereich Audio-Postproduktion, glaube ich, im Weltmarkt führend sind. Und das ist Tool, das viele Aufgaben, früher Menschen übernommen haben, also Lautstärken angleichen, Mischen, rechts herausschneiden und solche Dinge. Ich bin kein Experte in dem Thema, aber ich habe mir sagen lassen, das erledigt wahnsinnig viele Aufgaben, die man früher händisch machen hat müssen. Und liefert wahnsinnig tolle Ergebnisse. Also da tut sich einfach viel und das ist auch wieder so, was du davor gefragt hast, was bringt uns das? Naja, das bringt uns wahnsinnig viel Effizienz und gibt uns die Möglichkeit, Dinge zu produzieren, die wir sonst vielleicht nicht in dieser Geschwindigkeit und in dieser Menge produzieren hätten.
dieter_brader: Wie können diese neuen Produktionswege, diese neuen Werkzeuge wie KI nun dabei helfen, die Medienwelt, das Medienbusiness zu reinventen oder neu zu denken?
stefan_lassnig: Ja, ich befürchte, dass da oder dort in manchen Medienunternehmen die Hoffnung besteht, dass nur die KI den A*sch retten wird. Entschuldigung, den Ausdruck. Das befürchte ich stimmt so nicht. Ich habe gerade ein tolles Interview gelesen von Anita Zielina im Standard, wo sie sagt, sie verwendet dieses schiche Wort nicht, aber sie sagt sinngemäß etwas Ähnliches, also die KI wird die Medienwelt nicht retten. Ich glaube, es gibt zwei Dinge. Wir müssen auch wieder zurück an unsere Wurzeln. Wir müssen als Journalistinnen und Journalisten uns wieder dran erinnern, wofür wir eigentlich da sind. Wir sind dafür da, Geschichten zu entdecken, zu recherchieren, gut zu schreiben, zu vertonen, was auch immer zu filmen, was auch immer, und dann auf den passenden Kanälen auszuspielen. Ich glaube, wir haben einen gewissen Irrweg beschritten. Und ich meine, das ist nicht vorwurfsvoll, weil wir waren ja selbst ein Teil davon, dass man da halt auf Masse gesetzt vergessen hat, was eigentlich die Uraufgabe ist. Das ist der erste Punkt und der zweite Punkt ist... Wenn wir das erledigt haben, sollten wir möglichst effizient diese Dinge produzieren und an die Konsument:innen bringen. Und da hilft uns natürlich da oder dort KI. Aber der erste Teil ist ein sehr menschlicher Teil und das ist ein Fokusthema. Und im zweiten Teil, da sollte man dann agnostisch sein, was die Kanäle betrifft. Also ich habe zum Beispiel gehört, dass unsere Journalistinnen, also speziell die Edith Meinhart und Michael Nikbakhsh von der Dunklerkammer, am Anfang von ihren Kolleginnen gefragt worden seien, ob man im Podcast Journalismus machen kann. Und da muss ich jetzt sagen: Ich verstehe die Frage nicht. Also Journalismus ist ja keine Frage des Ausgabekanals. Journalismus ist eine Frage des Handwerks, der inneren Überzeugung, auch der Leidenschaft. Ich betone wieder dieses Wort Leidenschaft. Dann kann ich natürlich auch in einem Podcast guten Journalismus machen. Aber die Frage war ernsthaft von Branchenkolleginnen und -kollegen. So quasi, ist der Ausgabe-Kanal geeignet, um Qualität zu machen? Um das geht's ja nicht. Und deswegen sage ich, diese zwei Bestandteile... dieser erste Bestandteil, diesem Urauftrag als Journalist oder Journalistin nachzukommen und dann zu schauen, dass man das auf möglichst passenden Kanälen ausspielt.
dieter_brader: Das du hast auf der einen Seite das Basisgeschäft, das Haupthandwerk, auf der anderen Seite vielleicht Kanäle und drüber gestülpt das weitere Handwerk des Geschichtenerzählens, des Storytellings. Wie bringst du jetzt Innovation, wie bringst du strukturiert Innovation in neue Projekte, in Podcasts, wenn du mit Medienunternehmen oder Personen zusammenarbeitest?
stefan_lassnig: Ich glaube, man muss schauen, dass man immer am Laufenden bleibt. Ich selbst, aber auch meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind angehalten, sich immer am Laufenden zu halten. Was gibt es Neues? Wo gibt es neue Apps? Wo gibt es neue Trends? Das bedeutet nicht, dass man sofort auf jeden Trend aufspringen muss. Ich bin sogar ein Freund davon, sagen, bestimmte Dinge, die man interessant findet, behaltet man mal im Auge und muss nicht unbedingt bei den ersten dabei sein. Also, die sind... Ausprobieren bin ich dafür, dass man es sofort macht. Und dann muss man sich halt überlegen, integrieren wir das jetzt wirklich in unsere Prozesse zum Beispiel oder in unsere Produktpalette oder warten wir noch ab mit dem endgültigen Umsetzen. Aber zu wissen, zu sagen, man ist am laufenden, was sich so tut und was sich so entwickelt, das halte ich für essentiell. Und zwar nicht nur auf Mitarbeiter:innen-Ebene, sondern auch und ganz speziell in der Führungsebene. Und nicht zu sagen, also das Thema Innovation, das gebe ich in eine Abteilung und der Rest ist eigentlich ...der muss sich eigentlich nicht um die Innovationen kümmern. Ich kenne große Unternehmen, die das so machen, denen wünsche ich echt als Gute. Weil, das glaube ich, wird nicht funktionieren. Die Innovation muss schon irgendwie in den Köpfen und in der DNA drinnen sein.
dieter_brader: Ich sage, im Newsroom muss Agilität und Innovation ein fixer Bestandteil sein. Es ist diese ständige Weiterentwicklung, die Beobachtung, das Experimentieren, das Ausprobieren, Prototypen und Iterationen. Das muss einfach ...
stefan_lassnig: Ja und ich glaube, viele Unternehmen, speziell große Konzerne, wenn man erlebt, manchmal falsch verstehen ist... Die glauben, die sagen dann, wir können ja nicht auf jeden Trend aufspringen. Ja das stimmt, das sollten wir auch nicht. Ich finde, ist ein ganz großer strategischer Fehler auf jeden Trend, nur weil es fünf Leute machen zu sagen, da müssen wir sofort mitmachen, sonst verlieren wir den Anschluss. Ich glaube, den Anschluss verlierst du vor allen Dingen, wenn du dich das Thema nicht kümmerst und wenn du nicht zum Beispiel immer wieder Sachen ausprobierst. Aber zwischen Sachen ausprobieren und dranbleiben und dann in ein fixfertiges Produkt, das dann auch marktfähig sein soll, umzusetzen, da gibt es ja noch etwas dazwischen. Also wir probieren ganz viel aus und sagen dann: Ja OK, das ist jetzt aber entweder nicht ganz fertig oder das passt jetzt doch nicht so gut in unseren Workflow rein, ja dann verwerfen wir es wieder. Oder legen Sie mal auf die Seite, vielleicht ist es im halben Jahr später dann wieder aktuell. Also ich halte da überhaupt nichts davon, jedem Trend nachzulaufen.
dieter_brader: Das heißt braucht Innovation und auf der anderen Seite, Disziplin zu erkennen, wann mache ich wie wo was.
stefan_lassnig: Plus es braucht dann noch den Mut zu sagen, man fängt auch manchmal was an, was nix ist. Wo man dann drauf kommt, ja doch ein Blödsinn. Warum auch nicht.
dieter_brader: Und wo hilft die KI jetzt genau bei diesen Überlegungen, möglicherweise schneller ins Tun zu kommen?
stefan_lassnig: Naja, die KI selbst ist ja da meistens der Anlass, irgendwas auszuprobieren. Wir haben jetzt als Beispiel, wir haben jetzt seit kurzem eine Videoausrüstung im Studio, deswegen bin ich ja so schön ausgeleuchtet. Ich habe das Thema "Video" ziemlich lange rausgeschoben, weil ich mir gesagt habe, wir sind ein Audio-Unternehmen und kein Video-Unternehmen. Inzwischen ist es aber so - dank KI - auch die Chance sehe, auch das Videomaterial in einer effizienten Art und Weise oder ohne gleich drei vier Leute einstellen zu müssen verarbeiten können. Und da habe ich jetzt so lange gewartet, wie es jetzt vom Markt her möglich war bzw. es diese KI Anwendungen so gut sein, dass ich sage, jetzt kann man sie echt in der Praxis einsetzen. Und jetzt machen wir Video.
dieter_brader: Da sind wir wieder bei der Wertschöpfungskette, bei der KI-gestützten.
stefan_lassnig: Ja und auch bei der Möglichkeit neue Kanäle zu bespielen, weil das was wir da jetzt machen mit einem überschaubaren Investitionsaufwand und hoffentlich wenn wir einen effizienten Workflow schaffen mit einem überschaubaren Produktionsaufwand, das wäre ohne KI nicht möglich gewesen.
dieter_brader: Wenn du jetzt mal zurück schaust, drei Jahre, vier Jahre... Vor drei Jahren ist ja das ganze Thema KI eigentlich kommerziell wirklich los gestartet. Was war denn für dich so der Punkt, wo du gesagt hast, mit KI kann man eigentlich viele, viele coole Sachen realisieren und die KI kann dort und da wirklich massiv weiterhelfen. Hat es da so einen Initialzünder gegeben? Was war denn so das Erlebnis dabei?
stefan_lassnig: Mein Erweckungserlebnis war, wie wir die Stimme von Michael Nickbakhsh geklont haben. Weil es war dermaßen spooky, dass diese geklonte Stimme tatsächlich geklungen hat wie er. Und du hast, wenn du ihn nicht gut kennst und ihn passende Dinge einsprechen hast lassen, du hast nicht gewusst, dass die Stimme geklont ist. Und das war das Erlebnis, wo ich mir gedacht habe, wow, wenn das geht, was geht da sonst noch alles? Plus auch die Transkription, also diese automatisierte Transkription, die sogar inzwischen mein sehr ausgeprägten Tiroler Dialekt ganz gut hinbringt und die jetzt jedes Monat eigentlich besser wird... Das beeindruckt mich schon sehr. Und ich habe jetzt gerade mal mit einer jungen Kollegin gesprochen, weil die gesagt hat, in der Transkription sind sogar die Eigenamen richtig geschrieben. Also das sind so Dinge... Jetzt kann man sagen, sind nur Kleinigkeiten... aber dass du jetzt ein Sounddatei da reinladest und ein fast perfektes Transkript rauskriegst, das sind Quantensprünge.
dieter_brader: Was würdest du jungen Medienmacher:innen heute mitgeben?
stefan_lassnig: Ja, also ich finde, man muss sich ganz klar entscheiden. Wenn man sagt, man strebt an Job an, wo man so wie früher, APA-Meldungen oder DPA-Meldungen, oder was auch immer, irgendwie bisschen nachbearbeitet und dann auf Online-Plattform stellt, wenn das das Berufsbild ist, dann würde ich dazu raten, ein anderes Berufsbild zu suchen. Weil das wird es nicht mehr geben. Wenn es junge Journalistinnen und Journalisten gibt, die sagen, ich weiß, was eine Geschichte ist, ich weiß auch, wie man zu guten Geschichten kommt, ich weiß, wie man gute Geschichten erzählt, dann würde ich mir sagen, okay, Voraussetzung A ist erfüllt und dann die Voraussetzung B ist, ich muss am laufenden bleiben, auf welchen Kanälen das sinnvoll ist und wie diese Kanäle funktionieren. Es kann genauso gut Instagram sein, kann TikTok sein, es kann ein Podcast sein, es kann eine Website sein, kann ein Newsletter sein, ganz egal. Aber ich muss halt diese Dinge verstehen und diese Kanäle verstehen und dann finde ich es immer noch ein geiles Job der Welt.
dieter_brader: Schauen wir mal nach vorne. hat sich ja jetzt in den letzten Jahren viel verändert. Also ich mag ja die Medienbranche, es verändert sich immer so viel. Ich muss immer am laufenden bleiben. Und schauen wir jetzt fünf Jahre voraus, wenn wir es überhaupt können. Wie schaut denn die Medienarbeit in fünf Jahren aus? Was wir jetzt denn bis dahin verändert haben oder weiterentwickelt haben?
stefan_lassnig: Ja, ich es schon gesagt, ich befürchte, es wird überflutet werden mit KI produzierten Inhalten, die großteils Müll sind. Müll meine ich jetzt im Sinne von: Die Fehler beinhalten, vor allem, die KI generiert sind, wo der Ursprungsinhalt schon KI generiert ist. Wo wir bis jetzt gute Erfahrungen gemacht haben, ist, wenn der Ursprungsinhalt sehr, gut ist und sehr, sehr in sich abgeschlossen ist und der wird zum Beispiel zusammengefasst oder umformuliert oder solche Dinge, das funktioniert gut. Aber eben Dinge, die jetzt zum Beispiel einfach nur schnell, wie ein ganzes Buch zum Beispiel, schnell nachproduziert werden, das wird uns überfluten. Weil das dann jeder und jede kann und sehr schnell kann. Und da wird es eine Spreizung geben zu diesen Inhalten, die vertrauenswürdig sind, die von Menschen produziert werden, die man auch kennt, wo man entweder die Marke kennt oder die Personen kennt und die dem Qualitätsanspruch entsprechen, den wir eigentlich alle haben sollten. Und das wird dazu führen, dass es bestimmte Jobs nicht mehr gibt in der Medienbranche. Weil diejenigen, die jetzt schon nur Zweitverwertungen machen, die wird es nicht mehr brauchen. Und die gehen sogar noch einen Schritt weiter. Ich glaube, dass das Konzept Website tot ist. Wir wissen es nur noch nicht so richtig. Aber wenn die AI-Agents auch die Nachrichtenaufbereitung übernehmen, dann werden größtenteils Bots mit Bots kommunizieren, das dann ordentlich aufbereiten und uns in der Form zur Verfügung stellen, wie wir es gern hätten. Was es dann am Schluss aber immer noch braucht, diese originäre Quelle. Die braucht's schon. Aber alles dazwischen braucht's nimmer. Menschlich jetzt braucht's nimmer.
dieter_brader: Hast du vielleicht auch eine Vorstellung in Bezug auf Rollenbilder? Ich denke mir, wie schaut der Newsroom aus in vielen Jahren? Welche Kanäle gibt es? Welche Teams gibt es? Welche Rollenbilder, welche Fähigkeiten gibt es dort. Vom Gefühl her, wie wird sich das dort entwickeln? Rollenbilder?
stefan_lassnig: Ist eine super interessante Frage, über das mache ich mir viel Gedanken. Ich glaube, dass es die Rollenbilder geben wird, die sich an der Primärquelle orientieren. Also, wer ist die Primärquelle? Und die Primärquelle sind in der Regel Spezialistinnen und Spezialisten, die sich in ihrem Thema einfach gut auskennen. Das heißt, ich glaube, wird in den Redaktionen geben, Spezialistinnen und Spezialisten für verschiedene Bereiche geben, die wirklich in ihren Themen Verknüpfungen herstellen können. Die in ihren Themen Themen miteinander verbinden können, die sinnvolle Interviews führen können, die sinnvolle Hintergrundgespräche führen können, die sich in ihren Themen einfach auskennen. Die wird's geben. Dann wird's welche geben, die einfach gut schreiben, gut reden, gut vor der Kamera auftreten können, jetzt egal welchen Inhalt, wobei das auch eine Art Spezialkompetenz dann ist. Und das war's aber dann. Denn das norwegische Medienunternehmen VG arbeitet ja bereits mit Agents, die zum Beispiel einen CvD nachbilden. Ich bin überzeugt davon, dass es das geben wird. Es wird einen CvD-Agent geben. Der wird diese Inhalte kuratieren, anordnen, in Form bringen. Aber die Spezialistin, der Spezialist, der es davor gemacht hat, die sitzt noch am Desktop. Aber der Rest, alles dieses administrative, teilweise auch das komponierende, ich glaube, dass das in ein paar Jahren, vielleicht dauert es auch gar nicht die Jahre, aber das glaube ich wird nicht... Also in der Regel keine menschliche Aufgabe mehr sein. Also wenn ich mir überlege, wie ein Newsroom ausschaut, wie ein Medienunternehmen ausschaut, wie eine Tageszeitung ausschaut, dann gehe ich mal davon aus, dass ich nicht mehr gedruckt werde, aber ich gehe davon aus, dass ich auf gewisse Themen spezialisieren wird müssen. Weil wenn ich jetzt hergehe und sage, ich mache als regionale Tageszeitung alle Themen bis hin zur Weltpolitik, dann frage mich halt, wo sollen in der Weltpolitik der unique Content herkommen? Und dann würde ich mich als Regionalzeitung lieber nur aufs Regionale beschränken. Weil da kann ich mir Alleinstellung erarbeiten. Während in der Weltpolitik und schon in der Österreich-Politik wird es ganz schwierig werden, da Menschen zu erreichen. Jetzt kann man noch sagen, na ja, vielleicht wollen ja manche so ein ganzes Bündel haben. Das stimmt, aber das Bündel wird man trotzdem der AI-Agent zusammenstellen.
dieter_brader: Welche Entscheidungen sollten Medien heute treffen? Das heißt, ich habe vorher schon viel rausgehört, es geht ⁓ eine gewisse Haltung, vielleicht vor allem gegenüber neuen Technologien, gegenüber der Veränderung offen sein soll. Welche Entscheidungen sollen Medien heute treffen, eben dafür gerüstet zu sein, jetzt auf unterschiedlichen Ebenen, jetzt nicht nur technisch. Und was braucht es dafür?
stefan_lassnig: Ich glaube, müssen jetzt ganz schmerzhafte Entscheidungen getroffen werden, nämlich zum Beispiel, welche Themen wollen wir bespielen und welche Themen bespielen wir jetzt ab jetzt gar nicht mehr, weil es wahrscheinlich bald welche geben würde, das besser... Also es gibt ja jetzt schon viele, die es besser können, aber es wird auch so sein, dass die, besser können, dann in Zukunft nur mal gefragt werden und wir nicht mehr. Also ich würde mir als Medienunternehmen ganz schnell überlegen, in welchen Themen, mit welchen Protagonist:innen sind wir wirklich besonders und gut? Und denen gebe ich dann viel Platz, viel Raum, viel Bedeutung. Und vom Rest muss ich mich sukzessive lösen. Weil wenn ich an dem Rest festhalte, dann produziere ich wahnsinnig viele Kosten. Und werde aber wenig Resonanz dafür kriegen. Und diese Offenheit, was diese Spezialisierung betrifft, glaube ich, wird ein zentrales Merkmal werden. Weil ich bin gespannt, ich sehe momentan überhaupt keine Bewegungen in die Richtung. Also umgekehrt... Die Leute, die neu starten, die machen das schon so. Auf der Legacy-Seite sehe ich das noch nicht, dass diese Erkenntnis schon wirklich durchgedrungen ist. Aber da würde ich mich schleunigst daran machen, das anzuschauen. Und diese Leidenschaft für Inhalte müssen wir, glaube ich, wiederentdecken. Vor allen Dingen in den Chef-Etagen. Ich sehe da oder dort nicht diese Leidenschaft für den Content. Die braucht es jetzt aber wieder. Das wird jetzt wieder wichtiger. Das war mal wichtig, dann war es nicht mehr so wichtig. Und jetzt wird es wieder extrem wichtig. Und die Technologieoffenheit. Wobei das sehe ich inzwischen in vielen Medienunternehmen. Oder auch in großen Unternehmen, die kommunizieren. Das ist nicht das Thema. Die Offenheit zu sagen, wir müssen uns ⁓ diese Themen beschäftigen, das sehe ich sehr oft. Oft fehlt halt dann die Idee, was man konkret damit macht. Und wie man es in einem effizienten Workflow integriert. Die Idee ist dann schon immer so häufig. Aber diese Offenheit und zu sagen, man beschäftigt sich damit, die sehe ich überall. Ich will sagen, ich habe eher das Thema mit der Leidenschaft für den Content und dieser Frage, wofür stehen wir eigentlich. Damit muss man sich jetzt, glaube ich, intensiver auseinandersetzen.
dieter_brader: Das wir jetzt so stehen, lieber Stefan. Dankeschön für deine Zeit, für deinen Input. Alles Gute weiterhin für deine super Projekte und für deine Podcasts und alles was weiter kommt. Dankeschön.
stefan_lassnig: Danke sehr gerne.